13. Alles sichtbare und unsichtbare ist ins Große
Bewußtsein eingebettet. Menschen, Pflanzen, Tiere und Dinge sind gleichermaßen davon
durchdrungen. Das Bewußtsein ist das Allesgegenwertige, das ewig Anwesende. In uns
manifestiert es sich auf verschiedenen "Niveaus" oder Qualitäten die alle in
des anderen Verlängerung liegen: vom primitiven Untergetaucht sein in unserer
Gedankenwelt (unser "normales Bewußtsein"), der Übergang zum "aufmerksam
sein", "bewußt anwesend - sein" bis einschließlich "Satori"
(kleine Erleuchtung), die große Erleuchtung und das letztendliche Aufgehen. Die
Übergänge folgen einer eigenen Gesetzmäßigkeit: die der sprunghaften Allmählichkeit.
Im neuen Zustand läßt man die alten ganz und gar hinter sich. Der neue Zustand ist eine
Heimkehr, worin dein "wahres Selbst" und auch und zu gleicher Zeit
das Ganz Andere ist. Es scheint ein Bruch zu sein ein diskontinuierlicher Übergang
zwischen demjenigen, der du denkst zu sein, und demjenigen, dem du Wirklich Bist.
14. Dieser Weg zum "Selbst" (All) ist die wahre
Bestimmung jedes einzelnen. Einige erfahren dies während des Lebens, alle anderen
ohne Ausnahme wird es zu Teil im Sterben. Daher, daß "Sterben und neu geboren
werden" das zentrale Thema für diejenigen ist, die in DIESEM Leben ins "ewige
Leben" wiedergeboren wurden. Dieses auf neu geboren werden ist eine Heimkehr, eine
Erfahrung (Verwirklichung) des wahren Ursprungs. Du bist mit der wirklichen Natur
vereinigt, der Person, die du bist, warst und sein wirst. In dieser (letztendlich)
tiefsten Dimension findest du deine wahre Ganzheit, Einheit und tiefstes Wesen. Ein Wesen,
daß das individuelle Dasein übersteigt. Dein wahres Selbst wird die Essenz des ganzen
Daseins sein ohne Ausnahme. In Mir bin ich die Essenz der Bäume, des Grases, der
Wolken, der See und des Himmels.
15. "Thot Hermes" dokumentiert in 17 verschiedenen
Schriften erst mündlich übergeben und schließlich im dritten bis ersten
Jahrhundert vor Christus aufgezeichnet in Alexandria seine Verwirklichung. Dies ist
wissenschaftlich bewiesen. Hiervon ging jedoch eine so weitreichende Inspiration aus, daß
es unwahrscheinlich ist, daß sie nicht auf eine große erleuchtete frühägyptische Figur
zurückzuführen währe. So wird über "das Aufwachen bis zum Göttlichen",
"Gott als Ursprung allen Lichts" und eine Bergrede (...) über die
"Wiedergeburt und Gottesoffenbarung" gesprochen. Sie werden von großem Einfluß
auf den ganzen weiteren Verlauf der westlichen spirituellen Kultur sein. Viele große
Gelehrte haben ihre Inspiration hieraus geschöpft.
War er für Echnaton, den erleuchteten ägyptischen Pharao,
das strahlende Vorbild? Diverse zentrale Aussagen von Jesus als auch Plotinos weisen
auffallende Übereinstimmung mit Bildern, wie die durch Thot Hermes beschrieben sind, auf.
So gut wie alle gnostischen Strömungen sind durch ihn tiefgreifend beeinflußt worden.
Alle Lehren des späteren Christentums sowie die Auferstehung, die Dreieinigkeit
etc. sind bei ihm zurückzufinden. In seinen eigenen Texten kam Thot Hermes
(beschrieben in seinem ersten Buch) "aus der Finsternis in das Licht, aus dem wilden
Durcheinander des flüchtigen irdischen Bestehens ins Zuhause - Land, aus der
Beklommenheit und dem Mangel in die Freiheit der Fülle". In seinen anderen Büchern
gibt er die aus seinen Erfahrungen entstandenen Einsichten wieder. Diese zeugen von einer
Weisheit, sowie diese nach ihm selten angetroffen wurde. Er sagt selbst: "Danach
(nach seiner Erleuchtungserfahrung) begann ich die Menschen die befreiende Botschaft von
der Gottesverwirklichung zu lehren". Und: "schauet mit den Augen des Herzens, so
daß Ihr die Pforte des Wissens findet, wo das klare Licht ist."
ECHNATON
16. Seit 500 v.Ch. tauchen in den verschiedenen großen
Kulturen Menschen auf, die angeben, daß sie das Göttliche verwirklicht haben. In China
waren dies zum Beispiel Lao-tse, Chuang-tse und Konfuzius und in Indien Shankara, Mahavira
und Sakyamuni Buddha. Im Gegensatz zu dem, was oft angegeben wird, war dies nicht eine
Zeit "in der das Licht durchbrach". In prähistorischen Zeiten lebten die
Menschen genauso wie alle andere Wesen dauernd, ohne Unterbrechung im Licht.
Das Licht war also schon da, IST da seit aller Ewigkeit. Das
Neue war, daß seit dem Beginn des Patriarchat das männliche Gehirn (Ratio) so weit
entwickelt war, daß es in Begriffen, Konzepten und Logik denken konnte. Es konnte sich
als erstes in seiner Entwicklung ausdrücken. Deshalb konnten in dieser Zeit die ersten
Aufzeichnungen gemacht werden. In der Tat war der Anführer dieser evolutionären
Geschehnisse Echnaton. Er ist die erste historische Figur, von der wir wissen, daß
sie erleuchtet war, der Sohn der Sonne. Er war den Obengenannten allein 1000 Jahre im
Voraus. Seine Erleuchtung brachte eine radikale Umkehr in seinem Leben zustande. In einer
Zeitspanne von 12 Jahren ersetzte er die alten Götter durch Aton, den Sonnengott,
verbreitete die neue Religion durchs ganze Land, und errichtete eine neue Hauptstadt,
Amarna. Seine spirituellen Erfahrungen beschrieb er in seinen unsterblichen Hymnen. Durch
seinen innerlichen Zustand war er nicht echt in Krieg interessiert, dem entgegen setzte er
sein Regime mit großer Härte durch. Daß ihm dies nicht in Dank abgenommen wurde,
beweist die Geschichte. Nach seinem Tot wurde alles unmittelbar in den alten Zustand
zurück gebracht.
PYTHAGORAS
17. Die Zeit der ERLEUCHTUNG kennt mehr Zusammenhänge als
die meisten vermuten. Die ägyptische Kultur ist deutlich die Wiege für fast alles, was
später im Westen gesprossen ist. Thot Hermes war hierbei das große Licht und der
Inspirationsbrunnen. Viele Jahrhunderte später soll Pythagoras während der 20 Jahre, die
er in Ägypten wohnte, daselbst zur Erleuchtung kommen sein. Er wird wie folgt zitiert:
"So wie Gott in mir ist, ist er auch in Dir.". Er war der erste griechische
Gelehrte, der nicht nur den Menschen als göttliches Ebenbild proklamierte, sondern
ebenfalls angab, wie mit dem Göttlichen Eins zu sein. Dies bestand aus moralischen
Vorschriften sowie aus der Vermeidung des Bösen, wie auch Anweisungen zur meditativen
Einkehr. Er war der erste, der das Weltall "Kosmos" nannte und den Menschen als
das direktes Spiegelbild hiervon: "Mikrokosmos".
Noch während seines Lebens wurde er durch Nachfolger als
"Sohn Gottes" verehrt. Für Jesus war Pythagoras mit großer Sicherheit eine
wichtige Quelle von Inspiration. Der erste war schließlich eingeweiht in die jüdische
Sekte der Essener, und diese kamen wiederum fort aus der pythagoräischen Schule. Die
Übereinstimmungen in Aussagen sind auffallend.
JESUS
18. In der Folge der Zeit ist Jesus nach Pythagoras
(und unbezweifelt viele unbekannte Andere) der "dritte" große
Erleuchtete des Abendlandes. Er drückt seine Kernerfahrung unter anderem so aus:
"Ich bin im Vater und der Vater ist in mir". Sein erleuchteter Zustand wird mit
"Christus" angedeutet. Im Gegensatz zu Pythagoras hat er selbst keine
geschriebenen Schriften hinterlassen, so daß das einzige, was wir von ihm wissen durch
andere zu uns gekommen ist ("Evangelien").
Das Bild, daß wir von ihm haben ist darum per Definition
mangelhaft, notwendigerweise verformt oder um 180 Grad verdreht oder in den Mund gelegt.
Das, was jedoch sicher feststeht, ist, das er ein getriebener Mensch war, einer der
rundzog, seine Botschaft verkündigte und viele Begegnungen mit einfachen Menschen hatte.
Seine auffallend positive Haltung gegenüber Frauen war für die Zeit (und jüdische
Kultur) außergewöhnlich. Um Frauen vor der Willkür zu beschützen der jüdische
Mann konnte selbst scheiden als er seine Frau nicht schön genug fand verbot er zum
Beispiel die Scheidung und brach mehrmals die patriarische jüdische Ethik und ihr Gesetz.
Die Fortpflanzung, die bis dahin die Sexualität dominierte, wurde ersetzt durch die
Liebe. Er genoß übrigens von körperlichen Berührungen, Hochzeiten und was
deutlich geworden ist aus den gnostischen Evangelien, ausgegraben bei Nag Hammadi
hatte er eine Liebesbeziehung mit einer Frau.
19. Jesus scheint in zahllosen Aussprachen über das Licht
gesprochen zu haben. "Ich bin das Licht: wer mir folgt, wird nicht im Dunkeln sein,
aber empfängt das Licht des Lebens". Und in der Bergrede sagt er: "Ihr seid das
Licht der Welt" den Menschen zeigend, daß das Licht in jedem von uns gleich anwesend
ist. Im Evangelium nach Thomas lesen wir: Jesus sagte: "Wer alles kennt, außer sich
selbst, verpaßt alles". Und auch: "Als Ihr dieses Licht besitzt, werdet Ihr
gleich meiner". Es ist deutlich, daß aus dieser und zahlloser anderer Aussprachen,
gleichwohl die aus der Bibel wie auch aus den gnostischen Evangelien, Jesus sich selbst
als spiritueller Lehrer zu erkennen gibt, als derjenige, der Menschen in ihrem eigenen
spirituellen Prozeß begleitet. Jede erleuchtete Botschaft wird doch durch diejenigen, die
sie anhören übereinstimmend mit der eigenen Verwirklichung und Einsicht
unterschiedlich begriffen und interpretiert. "Nur die, die Ohren haben, hören".
Die gleichen Worte, die bei dem einen das innerliche Licht durchbrechen lassen, erweckt
bei dem anderen nur Trost. "Was sprach er doch in schönen Worten", könnte ein
gläubiger Christ sagen. So wird die Rolle eines Erleuchteten bestimmt, durch das Maß,
indem seine Zuhörer ihn verstehen können. Niemand hat dies besser begriffen als Jesus.
Er wurde schließlich täglich konfrontiert mir der Unwissenheit seiner eigenen Jünger:
"sie verstanden ihn nicht". Die einzige wirklich eingeweihte war Maria
Magdalena, der "Apostel unter den Aposteln".
PLOTINOS
20. Für Plotinos gilt das gleiche, allein daß für ihn
Plato das verbindende Element war. Genauso wie Plato verstand Plotinos die göttliche
Weisheit jedoch nicht ausschließlich intellektuell, sondern überstieg diese im
tatsächlichen Aufgehen in dem Einen. Nach seiner ersten Erleuchtungserfahrung versammelte
er Menschen um sich, an die er seine Einsichten weitergab. Dabei "wurde er oft durch
göttliche Geisteseingebungen gefangen, wodurch sein innerliches Licht durch sein Antlitz
strahlte" meldete sein Anhänger Porphyrius. Dieser war es übrigens, der die Lehren
von Plotinos aufgezeichnet, geordnet und in sechs Gruppen von neun Schriften
("Enneaden") herausgegeben hat. So strahlt das All-Eine in das Sein, das Selbst
und dies letztendlich in das individuelle Bewußtsein. Das wahre spirituelle Leben ist die
dauernde Empfänglichkeit für und das Gerichtet-Sein auf den Ursprung. Obwohl die
sichtbare Welt nicht abgewiesen wird: "sie kommt als letzte Emanation ebenfalls aus
dem Göttlichen fort und hat darum eine übereinstimmende Schönheit", doch liegt das
Heil im Losmachen von jeder Identifikation, durch den "Weg zurück" zu gehen.
Wer alle (irdischen) Segnungen genießt, aber die Erleuchtung nicht kennt, ist trotz
alledem arm".
21. Die Kraft von Plotinos war das Übertragen seiner
eigenen Verwirklichung in ein Gedankengut, welches das direkte Spiegelbild seiner
Verwirklichung war. Beim Austragen dieser Botschaft ist Erleuchtung an sich nicht genug.
Es unterstellt, daß man erst selbst vollkommen gereinigt und im Prinzip frei von jeder
Abhängigkeit, Versklavung oder Dominanz des kleinen Ichs ist. Neben dem spirituellen
Leben ist Transformation, Integration und Einswerdung der gesamten Persönlichkeit eine
Bedingung. Es stellt sich in vielen Fällen heraus, daß dies "schwieriger" ist
als der spirituelle Weg "selbst". Viele Gelehrte "scheitern" dann
auch, nicht weil sie nicht "erleuchtet" wären, sondern weil sie in
entscheidenden Momenten doch durch ihre unverarbeiteten Dinge bzw. das Ego bestimmt
werden.
Ein vernichtendes Beispiel hierfür war Augustinus, der
freilich erleuchtet war, aber durch seine zwangsneurotische Sex- und Machtvorstellungen
der ganzen westlichen Kultur unbeschreiblich mehr Schlechtes als Gutes gebracht hat.
Plotinos dem entgegen der nicht für Nichts eine große Faszination auf Augustinus
ausübte hatte seit dem Beginn eine reine Ausstrahlung gehabt. Nahezu alle großen
Lehrer, von Scotus Eriugena, Dionysios, Gregorius van Nyssa, Basilius der Große, der
Hesychasmus ("Jesusgebet"), Nicolas von Cusa, Eckhart bis einschließlich
moderner Mystiken, sind durch ihn tiefgehend beeinflußt. Tatsächlich waren sie
gemessen an ihren tiefsten Erfahrungen Neo-platonici, konnten aber dies durch die
Dominanz und Schreibunterdrückung der Kirche nicht als solche austragen. Erleuchtete
selbst (Jesus, Plotinos) manipulieren nicht. Sie sind wie ein "Lamm". Allein
eine auf Macht ausgerichtete Institution probiert, anderen seinen Willen aufzuzwingen. Was
dann auch passiert ist.
22. Kommentar: Nachdem "die Verbundenheit mit der
Erde" zustande gekommen war (GEBURTSZEIT), brach in der ERLEUCHTUNG die Erfahrung der
Einheit mit dem "Himmel" durch. Hierdurch hätte ein neues Gleichgewicht in der
Kultur Eintritt halten können. Aber, sowie bereits gesagt: transzendentale Erfahrungen
bestimmen selten die Richtung von Entwicklungen. Andere Tendenzen und Bestrebungen machen
sich oft Meister über das Licht und manipulieren dieses übereinstimmend mit den eigenen
Zielsetzungen. In diesem Fall waren es die Männer, die aus ihrer Unausgewachsenheit,
ihrer Angst und den nicht verarbeiteten Traumas der Vergangenheit der vollen Einheit mit
"Himmel" und "Erde" nicht gewachsen waren. Die meisten verfielen in
eine krampfhafte Kontrolle von dem, was ihre Befreiung und Erfüllung hätte sein können.
Die Dunkelheit
Die Kirche
23. Es entsteht ein Drama, das sich noch während des Lebens
von Jesus abgespielt. Stellen Sie sich vor: der geliebte Meister, allzeit in Gesellschaft
von seinen Jüngern. Diejenigen, die ihm am nächsten sind, begreifen ihn jedoch nicht.
Kein einziger ist erleuchtet, kein einziger so selbstlos, kein einer, der auch so mutig
ist wie Jesus. Eine Tantalusqual also: sie sehen es alle vor ihren eigenen Augen
passieren, niemand der es von Innen heraus erfahren kann. Und dann diese Frau: Maria
Magdalena. Sie "hat alles" was diese "Apostel" nicht haben. Sie ist
eingeweiht, Vertraute und Geliebte des "Herrn". Eine Frau dann auch noch, in den
Augen von jüdischen Männern, ein Zweitrangwesen, steht zwischen ihnen und dem
"geliebten Meister". Alle ihre patriarchalischen Emotionen und Vorurteile lodern
regelmäßig auf: "Er liebt sie mehr als uns" und "er küßte sie auf den
Mund". Neid staut sich auf. Man lüstet nach Rache und wartet auf den richtigen
Zeitpunkt.
24. Während Maria Magdalena in der Periode nach der
Kreuzigung Jesu ihr eigenes innerliches Licht bei Menschen, die ihr folgten, durchscheinen
lassen konnte, machten die Apostel verzweifelte Versuche, um mit Jesu Tod zurecht zu
kommen. Für sie im Gegensatz zu Maria Magdalena "war da plötzlich
nichts mehr". Auch sie wollten mit dem Folgen des "Herrn" weiter machen,
wußten jedoch nicht wie. Eine große Verzweiflung nahm von ihnen Besitz an. "War
jetzt alles für nichts gewesen?". Irgend etwas mußte gefunden werden. Und es war in
der Tat ihr Einfallsreichtum, der die Lösung bringen sollte. Das erste Problem war das
von Jesus' Tod. Hier mußte ein Nachteil in einen Vorteil umgesetzt werden: die
"wunderbare Auferstehung"*.
Zum Zweiten: wie bekommen sie weitere Entwicklungen in den
Griff, nun, da niemand von innen heraus die wirkliche Inspiration empfangen hatte? Das
Auftreten von Maria Magdalena war in diesem Zusammenhang ein Dorn im Auge. Das Licht, daß
sie ausstrahlte, als diejenige, die wirklich die Einweihung durch Jesus empfangen hatte,
brachte stets mehr Menschen in Begeisterung. Sie schien eine gefürchtete Konkurrentin zu
sein. Der "Heilige Geist" brachte hierfür die Lösung: in der
Pfingstzusammenkunft, wobei alle Apostel zugleich durch den "Heiligen Geist"
"erleuchtet" wurden...
Es steht fest, daß dies niemals stattgefunden hat.
Hierdurch ist der ganze paulinische Überbau des Christentums und damit das Christentum
selbst zusammengebrochen. Siehe: G. Lüdemann "Die Auferstehung Jesu", 1996 Ten
Have/Averbode.
25. Und was sollte man mit dem Problem der "Liebe"
tun. Auch hier ist es wieder Maria Magdalena, die deutlich im Vorteil ist. Sie ist nicht
allein eine Frau, wodurch sie schon auf natürliche Weise Wärme, Anziehungskraft und
Tiefe hat, sie war auch "intim" mit dem "Herrn" gewesen, wodurch sie
die logische Fortführerin der Liebesbotschaft war. Schlußendlich war sie "nicht
für Nichts" auserwählt durch einen erleuchteten Meister. Die Apostel waren dem
entgegen und ihnen wurde dies deutlich leere Gefäße. Angesichts ihres
Geschlechts, ihrer Abstammung und Kultur rangen sie fortwährend mit dem, worüber Maria
Magdalena so frei beschickt: Einsicht, Hingabe und Liebe. Im jahrelangen Zusammensein mit
Jesus waren diese Dinge in sich selbst nicht wesentlich verändert oder transfomiert. Und
nun, da ihnen der "Meister" entfallen war, und darüberhinaus konfrontiert mit
einer (weiblichen) Überlegenheit, die sie niemals übersteigen konnten, wurde dieser
Mangel zur Waffe. Während in Wirklichkeit alte patriachalische Pferde aus dem Stall
geholt wurden, bis hin zur Einschränkung der Liebe, wurde die selbe
"unbesiegbare" Liebe gerade in Anspruch genommen als sei sie das Monopol der
durch die Apostel gegründete Kirche".
Die Apostel begonnen die "Botschaft der Liebe" mit
der dahinter liegenden Absicht, diese im Zaume zu halten, zu verkündigen. Während Maria
Magdalena die wirkliche Braut Jesu gewesen war, wurde dies ersetzt durch die Vorstellung,
daß jede Frau falls sie "keusch" lebt eine Braut von Christus
werden kann. Das waren dann sofort zwei Fliegen mit einer Klappe: Kontrolle und Dominanz
über die Frau, ihre Sexualität und Liebe. Daß einige Zeit später "die Kirche als
die Braut Christi" ausgerufen wurde, braucht uns dann auch nicht mehr zu verwundern.
Die männliche Angst vor der Liebe wurde stets mehr eine Obsession, diese unter Kontrolle
zu bekommen. Und die Institution mit seiner priesterlichen Macht, seinen Theologien und
Sanktionen eignete sich am besten dafür. Während Jesus ausdrücklich der Liebe
Priorität über die Fortpflanzung gegeben hatte, wurde dies bereits im ersten Jahrhundert
nach Christus zurückgedreht. Es war eine Fortsetzung der Unterdrückung der Frau (und
alles was sie repräsentiert), was bis jetzt angedauert hat. Das zweifache Unvermögen,
weder den Himmel noch die Erde besitzen zu können, wurde ersetzt durch das, was von dem
Zeitpunkt an "die frohe Botschaft" genannt wurde. Das ursprünglich
Verwurzelt-Sein in Himmel und Erde wurde dabei durch eine Geschichte
ersetzt, woran jeder zu glauben hatte. Die Erfahrung von der Wirklichkeit die
Einheit mit Himmel und Erde wurde reduziert auf eine abgeleitete Wirklichkeit, die
Welt von Bildern, Vorstellungen und Allegorien. Also waren große Erzähler (Evangelisten)
gefragt.
26. Meine These ist, daß hiermit der Samen für die
spätere Entwicklung, ja unsere heutige ZERRÜTTUNG gesät wurde. Da der Streit mit der
Wirklichkeit angezettelt wurde, wurde in zunehmendem Maße das Leben-Selbst verstümmelt
und verformt. Die "frohe Botschaft mußte über die Welt siegen". Und die Welt
umfaßte alles, was dem Menschen teuer war. Diese nicht einfache Aufgabe konnte dann auch
allein mit hysterischer Selbstverleumdung "zu Willen des Königreichs"
welches noch kommen mußte zustande gebracht werden. Märtyrer wurden bewußt
geopfert, um Eindruck und Achtung bei anderen, den "Heiden", zu wecken. Frauen
wurden in großem Umfang ermutigt, ihre Männer "zu Willen Christi" zu
verlassen. Die Kirche zielte auf die anwesende Frustration vieler Frauen angesichts der
patriarchalischen Ehe. Dies wurde gefolgt durch eine ebenso hysterische Polemik gegen alle
die, welche die "Christliche Botschaft" nicht annehmen wollten. Und das waren
etwa alle: Juden, "Heiden" und anders denkende Christen ("Ketzer").
Es wurde ein Streit gegen alles was "anders" war,
vom alten jüdischen Gott gegen jeden der seine Autorität nicht annehmen wollte. Jedem
wurde ohne Unterschied oder Respekt die Freiheit, über das eigene Leben zu verfügen, im
Tausch für "die Freiheit in Christus" genommen. Die Heftigkeit mit der dies
geschah kann allein durch die eigenen Frustrationen und durch die Verdrängung
unverarbeiteter psychischer Inhalte beziehungsweise Emotionen erklärt werden. Zum
Beispiel die Abscheu über die "Ausgelassenheit" zur Zeit der Großen Mutter
("Hure von Babylon") als Projektion der eigenen verdrängten Sexualität. Viele
haben sich gefragt, woher die Kraft der Verkündigung kam. Warum nun gerade das
Christentum sich durchsetzte und nicht zum Beispiel der Neo-Platonismus? Meine Antwort
ist: dank der (uneigentlichen) Kraft, geschöpft aus den gigantischen verdrängten
Energien (Verdrängung von Himmel und Erde), projektiert in "übermenschliche"
Ideale und Zielsetzungen.
Die Begriffe, mit denen andere zum Beispiel Frauen
angegriffen wurden oder/und verurteilt wurden, waren dann auch rundheraus
schockierend. Was soll man denken von: "Ihr seid die Pforte, die dem Teufel Zugang
gewährt" ("Kirchenvater" Tertullianus über die Frau), "Wenn der
Mensch alles, was sich unter der Haut (einer Frau) befindet, sehen könnten...sollte das
Ansehen einer Frau nur Erbrechen hervorbringen" (der "heilige" Abt Odo von
Cluny), "Die Frau ist ein mißratener Mann" (der "heilige" Albertus
Magnus), zu gleicher Zeit war der Gipfelpunkt die Betitlung der Maria Magdalenas als
"Hure". Soviel Respekt hatten die Patriarchen nun vor der Geliebten ihres
Meisters.
27. Direkt nach dem Tot Jesu hatte die Entwurzlung der
westlichen Kultur, von der wir nun die bitteren Früchte pflücken, also begonnen. Das in
großem Maßstab Aufdrängen der "christlichen Botschaft" mit konsequenter
Unterdrückung und Vernichtung der "Gegner". "Gegner", die auf alle
mögliche Arten das normale gewöhnliche Alltagsleben sowie das außerordentliche Leben
repräsentierten. Das Auseinanderreißen galt der Beziehung mit SichSelbst, sowohl was den
Wesenskern betrifft (Selbstverwirklichung als "Gotteslästerung und Hochmut";
die Beschuldigung gegen die "Ketzer"), die fundamentalen Kräfte der Psyche
(Körperlichkeit, Sex, Erotik) als auch den Kontakt mit der Natur ("die Liebe zur
Erde ist Untreue zu Gott). Zitat des "Kirchenvaters" Ambrosius: "seht Ihr
eine Blüte im Vorjahr blühen, zertrete sie dann unmittelbar vor Gott". Die Wurzeln
"Himmel und Erde" mußten rücksichtslos vernichtet werden zu Gunsten der
Identifikation mit dem "Vermittler", Jesus Christus, und im weiteren: der
Kirche. Mit der "Bekehrung" der Heiden hatte die Kirche dann auch den Kontakt
mit der Natur vernichtet.
Ein kleines aber illustratives Beispiel hiervon ist der
"Christbaum". Um die "Heiden" davon zurückzuhalten ihre heiligen
Bäume im Wald zu verehren, wurden diese gehackt, ins Haus geholt und zur Schmückung des
"Christkindchens" degradiert. Durch diese und viele andere Manipulationen wurde
die Natur stets weiter dem Menschen unterworfen. Die Bekehrung wurde übrigens nun
im Gegensatz zum "Feuer" der ersten Christenheit von oben auferlegt. Daß
diese nicht immer mit Dank angenommen wurde, gezeugt der Mord an Bonifazius. Bis in das
Mittelalter war die Christianisierung unvollendet. Aber die größte (Tot)Sünde, die der
Kirche angerechnet werden kann, ist das Verschlampen ihres eigenen Ausgangspunktes:
"Gott ist Liebe". So wie keine andere Organisation hat gerade sie die Liebe
konsequent auf alle Weisen verleugnet, zertreten und vernichtet. Daß die Liebe (Gott) das
gesamte Dasein durchdringt und dadurch heiligt, wurde konsequent geleugnet. Der
Ausgangspunkt der Göttlichkeit der Schöpfung, inklusive des Menschen, war ja nicht im
Sinne einer Institution, die den Menschen an sich untertan machen wollte. Auch die
Sexualität war ein gefürchteter Konkurrent. In ihrer "Glückseligkeit" konnte
"Gott" (also die Kirche) viel zu leicht vergessen werden.
In der Ehe (und erst außerhalb dieser!) wurde zum Beispiel
die "sexuelle Liebe" im besten Fall nur geduldet ("besser als durch Sex
besessen zu sein") oder in Folge des jüdischen Brauchs geradeaus verurteilt.
Letztere bestempelte sexuelle Handlungen, die nicht zur Fortpflanzung führten "als
Greueltaten". Der Lehrling von Justinus (Tatianus) nennt es "Hurerei" und
gibt damit die Meinung vieler Christen aus allen Zeiten wieder. Allein die Form der Liebe,
die ihrer Machtposition zu Gute kam, wurde nicht nur zugestanden, sondern selbst
befördert: die Liebe "zu Christus" (also der Kirche) und die Nächstenliebe.
Ja, Bekümmernis um die "Schwachen und Wehrlosen" ließ diese oft "zum
wahren Glauben" übergehen. Die Rechtfertigung war die "Erlösung jedes Menschen
durch Christus" und das "Königreich, das kommen wird". Die durch die
Kirche entwurzelte "alte Gesellschaft" mit den Worten Jesu
"verlasset Eure Mutter und Euren Vater und folget mir" als Alibi sollte
ersetzt werden durch ein ganz neues Zusammenleben: die "christliche
Gemeinschaft". Es ist an jedem einzelnen selbst, zu beurteilen, ob ihr dies gelungen
ist.
28. Kommentar: Unsere große ZERRÜTTUNG hat seine Vorväter
also in dem Grüppchen zerrütteter Männer, gewöhnlich auch "Apostel" genannt.
Als Repräsentanten des Patriarchats stifteten sie eine Kirche, die unsere Kultur
weitreichend formen sollte. Die "ersten Kinderjahre" die, wie wir jetzt aus de
Psychologie wissen, sind ausschlaggebend für die (spätere) psychische Gesundheit des
Individuums. Ihre Unwissenheit, Unerwachsenheit, Frustration und das daraus entstandene
Kontrolle- und Machtbedürfnis stellte sich als ausschlaggebend für die spätere
Schieflage unserer Kultur heraus: ein Haus mit einem untauglichen Fundament. Die
spirituelle Wirklichkeit sowie durch Christus vorgetragen wurde, ohne daß
sie selbst verwirklicht oder begriffen wurde, nach Willkür und in einer verdrehten Form,
auf andere Wirklichkeitsebenen, sowie das Selbst, die Beziehungen der Menschen
untereinander und die Beziehung mit der Natur, projektiert. Während Jesus selbst niemals
müde wurde zu sagen, daß "alles vom Vater (Gott, "Himmel") kam",
wurden die Gläubigen gezwungen, sich mit Christus (der Kirche) als dem einzigen Weg zum
Heil zu identifizieren.
Die Rechtfertigung: "das Leben in Christus" und
die Erwartung des "Königreichs" war eine verzweifelte Projektion des eigenen
Unvermögens, gegipfelt in einer hysterischen Erwartungshaltung, in der jeder mitgesogen
wurde. Die große Anzahl Bekehrter kompensierte das fundamentale Gefühl der Unsicherheit,
welches das Kennzeichen der Apostel von Beginn ab an war, als sie ihr Haus und den Herd
verließen, um Jesus zu folgen. Die Kirche wurde übrigens schon schnell der Prototyp
dessen, was man heute (in negatievem Sinn) eine "Sekte" nennt: ein blinder
Glaube in einen "Heiland", die autoritäre Struktur, Indoktrination sowie
Gehirnwäsche, "irrationale" Lehrinhalte, das Zupassen von Sanktionen, (...),
das ungezügelte Machtstreben und die finanzielle Ausbeutung, das große Beispiel für
alle späteren, autoritären Regimes. Es ist die Tragik von Jesus, seinen Einsatz zum
Abbruch des Patriarchats mit einer patriarchialen Religion "belohnt zu
sehen"..., die in seinem Namen zwanzig Jahrhunderte lang die Menschheit unterdrücken
sollte.
29. Im Gegensatz zur kollektiven Verdrängung des (wahren)
Lebens in der orthodoxen Kirche (das Resultat: ein Leben, dem Tiefgang fehlt und darum
"einfach" und unkompliziert; man lese: oberflächlich war), stellten die
gnostischen Christen (Nachfolger Maria Magdalenas) alles in Bewegung um Geist und Seele,
also Wesen und Psyche miteinander in Einklang zu bringen. Der Prozeß der spirituellen
Selbstentdeckung ist notwendigerweise und zu gleicher Zeit eine Integration, ein
Ganzwerden der totalen Persönlichkeit. Nach einem valentinianischen Autor "ist
unsere Psyche erst dann mit unserem Wesen vollständig integriert, wenn der Adam und die
Eva in uns wiedervereinigt sind". Und auch Liebe und Sexualität wurden bei den
Valentinianen im allgemeinen positiv geschätzt. Das Bett wurde zum Beispiel
"Brautkammer" für den Aufstieg zu Gott genannt. Diese Christen nahmen also die
Verantwortung für ihre eigene Ganzheit auf sich, im Gegensatz zur orthodoxen
Gemeinschaftsethik, wo es nur auf die Gehorsamkeit gegenüber der Kirche und den
Bischöfen ankam. Diese gnostische Selbstintegration ging selbst weiter als zum Beispiel
der Buddhismus, wo der spirituelle Weg mit dem "Erreichen der Erleuchtung", der
Verwirklichen deines "ursprünglichen" Gesichts endet. Die (nicht-dualistischen)
Gnostici stellten größere Forderungen an sich selbst: das Erlangen des "einen
Gesichts", das in Harmonie bringen der Essenz mit der Persönlichkeit. Das dies nicht
genug geschätzt werden kann, wird deutlich sein. Wieviel wäre der westliche Kultur nicht
erspart geblieben, wie wäre sie zur Blüte gekommen, wenn diese ihre Forschungen weiter
hätten führen können.
30. Die Zeit, die darauf folgte, war eine Zeit in der das
Festigen der Institution Kirche erfolgte. Zahllose Lehren und Dogmas wurden festgesetzt,
oft auf Kosten der "abweichenden" Meinung und Überzeugungen, die damit
gleichzeitig verketzert oder in den Bann geschlagen wurden. In der Zeit, daß Kaiser
Konstantin (313) zum Christentum überging, hatte dieses sich bereits so verbreitet und
institutionalisiert, daß es sich einfach in die neue Machtstruktur "fügen
ließ". Tatsächlich war es eine Sekte, "die die Macht ergriffen hatte". In
dieser zweiten Phase der DUNKELHEIT hatte die Kirche sich schon von einer Anzahl seiner
meist phantastischen Kirchenväter abgewandt: Clemens und Origenes. Der erste wurde
verketzert wegen seiner zu großen Verehrung der Gnosis dem Weg der Selbsteinsicht
und der zweite große Erleuchtete wegen seines Traktats über die drei
(anfüllenden) Treppen zur Vervollkommnung: Glaube, Wissen (griechische Philosophie) und
Selbstverwirklichung. Vor allem die Lehre der "letztendlichen allumfassenden
Erlösung aller", wobei die "ewige Hölle" aberkannt wurde, sollte ihm zum
Strick werden. Die Kirche hatte zu viel Interesse an einem Fortbestehen des
"Bösen" als Instrument, um das Volk in der Kirche zu halten.
Daneben sollte die Verurteilung des sogenannten Donatismus
weitreichende Folgen haben. Ihre Anhänger verlangten von denen, die der Gemeinschaft
vorangingen eine innerliche Qualität, "Heiligkeit". Dies wurde durch die frühe
Kirche mit dem Standpunkt abgewiesen, daß allein formelle Amtsausübung für die Funktion
von Priestern und Bischöfen weitaus genug ist. Wie ließ sich die "junge
Kirche" hiermit in die Karten gucken. Schon damals war die Forderung zur Unterwerfung
an die Institution das höchste Gebot. Die dunkelste Zeit begann, als Augustinus, Bischof
von Milan, auf der Bühne erschien. Neben dem (bekannten) Streit mit seiner Sexualität,
ist es vor allem seine düstere Sicht auf die menschliche Freiheit gewesen, die durch die
veränderten Umstände keine aufständische Sekte mehr, sondern eine Kirche, die
sich konsolidieren wollte durch die Kirche als neue Lehre akzeptiert wurde. Dieser
"heilige Vater" schreckte auch nicht davor zurück, Schmiergelder zu geben. Er
gab dem Papst 90 nubische Hengste als Geschenk, um ihn für seinen Standpunkt zu gewinnen.
Vor allem die Diskussion mit dem jungen Bischof Julian von Eclanum ist bestürzend.
Während nach Augustinus der Mensch durch die Erbsünde zum Schlechten verurteilt ist, und
ohnmächtig ist, hieran selbst etwas zu tun, verteidigt Julian in der Nachfolge auf
Pelagius den Standpunkt, daß die Dinge (sowie die Sexualität) im Prinzip
natürlich sind.
Auch Krankheit und Tot bei Augustinus auch die Folge
von und eine Strafe für die Erbsünde fallen bei Julian unter die natürlichen
Gesetze, worunter jedes lebende Wesen fällt. Daß die Kirche an diesem befreienden
Standpunkt keinen Vorteil hatte, wird deutlich sein. Beide, Pelagius und Julian, wurden
verketzert und in die Verbannung gebracht. Augustinus genehmigte den Krieg und die
(Staats)Gewalt und hieß letztendlich die öffentliche Verfolgung von "Ketzern"
gut. Der Weg war frei für das, was bald die "normale" Praxis werden sollte: die
groß angelegte Verfolgung und die Scheiterhaufen der Inquisition.
Restauration 1
Die Mitteralterliche Mystik
31. "Der Geist weht wo er will". Auf vielen
Plätzen und in den meist unterschiedlichen Menschen flammte plötzlich nach all diesen
düsteren Jahrhunderten das Licht auf. Die Manifestierung war schon genauso vielfarbig wie
die mittelalterliche Gesellschaft selbst. Nachdem in den Jahrhunderten zuvor John Scotus
Eriugena auf magistrale Weise eine erneuete Interpretation des neo-platonischen Weltbildes
gegeben hatte, mit darin starken "pantheistischen Tendenzen", tauchte im elften
Jahrhundert eine "pantheistische Gruppe" um Amalrik von Bena auf. Letzterer
bewährte, daß alles göttlich ist, ohne Ausnahme. Anderswo war ein Tanchelm von
Antwerpen "aufgestanden", der sich mit prachtigen Gewändern und Firlefanz
behing, um dann rundzuziehen um zu verkünden, daß er der neue Erlöser sei. An anderen
Orten suchten und fanden die Armutsbewegungen als Humiliaten und Waldenser den Weg zu
"dem apostolischen Leben" zurück.
In der Geschlossenheit ihres Konvents schrieb die
zurückgezogene Beatrix von Nazareth "Über sieben Arten von Minnen", eine
ekstatische Beschreibung der Vereinigung mit dem göttlichen Geliebten. Einer der
Höhepunkte der europäischen spirituellen Literatur: Die Grallegende wurde geschrieben.
Und Ruusbroec, der "Großmeister der Mystik", schrieb im Grünwald bei Brüssel
seine fast wissenschaftliche Abhandlung über das Aufgehen in Gott. Dabei kam er so dicht
an die Vergöttlichung des Menschen, daß er mit knapper Not der kirchlichen Verurteilung
entkam. Kurz davor lebte eine gewisse Bloemaerdinne, eine einzigartige Frau mit großer
"Autorität", die die Erotik ("serafinische Liebe") propagierte als
ein Mittel zum Aufstieg zur Vereinigung mit Gott.
32. Sie war Teil eines viel größeren
"Netzwerkes" ursprünglicher Inspiration: die Brüder und Schwestern des Freien
Geistes. Diese Menschen zeugten über das Finden Gottes in Ihrem eigenen Inneren, über
Selbstverwirklichung. So sagte ein unbekannter rheinländischer Einsiedler: "Die
göttliche Essenz ist meine Essenz, und meine Essenz ist die göttliche Essenz". Oder
so wie eine Schwester Katrei es ausdrückte: "in meinem tiefsten Wesen bin ich
Gott". Der große Inspirator der "Bewegung" war der "Meister der
Mystik" Eckhart der in seinen deutschen Predigten vielfach ähnliche
Aussprachen machte. Er sagte zum Beispiel: "Wenn du im rein Göttlichen aufgehst,
wovon Gott nur eine Offenbarung ist, dann wirst du noch seliger sein. Vollkommen selig
wirst du erst, wenn du in der Leere des Göttlichen verschwindest, dort wo keine
Aktivität noch Bilder sind, und wo kein Gott ist". Auch Bernhard von Clairveaux,
sehr kontrovers und der Gründer der Zisterzienser, kann nicht unvermeldet bleiben. Mit
seinen Predigten er wurde der "Honigsüße" genannt introduzierte
er die sogenannte Brautsmystik. Auch durch seine Inspiration standen in großem Umfang
Frauen auf, die sich selbst von der Kirche und der Ehe befreiten, um auf originelle Weise
als "Begine" ein ganz anderes und mystisches Leben zu führen.
Zwei wichtige Vertreter sind Hadewych und Marguerite Porete.
Die Letztere sagt: "Die göttliche Seele hat selbst kein Bedürfnis nach Gott
mehr". Anderswo verkündigte der Benediktiner Abt Joachim von Fiore das "Dritte
Reich", worin letztendlich alle Menschen "durch den heiligen Geist erleuchtet
sein werden". Die Inspiration hierfür war angeweht aus dem Hesychasmus, der einzigen
mystischen Bewegung im Christentum, die mit Hilfe von Körperhaltungen und Atemkontrolle
die meditative Einkehr (Jesusgebet) beübte. Diese war auf ihrer Seite wieder inspiriert
durch indische und buddhistische Mönche, die in den ersten Jahrhunderten in der
ägyptischen Wüste lehrten, (und später durch den Neo-Platonismus)...Auch die
dualistischen, gnostischen Sekten beteiligten sich nach Kräften. Aus dem früheren
Manichäismus entstanden über die Pauliner und die Bogomilen letztendlich die
vielbesprochenen Katharer, die "Sekte", die voor allem in Italien und
Südfrankreich ihre Blüte hatte. Und was zu sagen über die späteren Troubadoure, die in
Poezie und Musik die höfische Liebe besungen?
33. Wo auf so vielen Fronten zugleich so viele Menschen
durch ursprüngliche Inspiration überwältigt werden, da kann die Repression einer
Machtinstitution nicht ausbleiben. Zuerst war man bestrebt, das "Böse" mit den
eigenen Mitteln zu bestreiten. Dazu wurden durch den Papst die sogenannten
"Bettelorden" ins Leben gerufen: die Dominikaner ("Hunde von Gott")
und die Franziskaner, Nachfolger des autoritätstreuen Franziskus von Assisi. Diese
"Orden" mußten eine so gut mögliche Kopie der erfolgreichen
"ketzerischen" Armutsbewegungen (Humiliaten und Waldenser) werden mit dem Ziel,
Menschen die sich zur Armut hingezogen fühlten, innerhalb der Kirche zu halten
("Dritter Orden des hl. Franziskus"). Während Franziskus selbst ein Erfolg war,
traf das Schicksal vor allem seine Anhänger: die Spiritualen (...). Als die Franziskaner
es nämlich geschafft hatten, den päpstlichen Auftrag zu erfüllen, gab dieser daraufhin
den Befehl, die Regeln von Franziskus "zu erweichen" (um auch hier mögliche
"Entgleisungen" zu verhindern). Diejenigen, die jedoch dem ursprünglichen
Glauben treu geblieben waren, wurden auf päpstlichen Befehl massenhaft abgeschlachtet.
Dominicus folgte einen anderen Weg. Er glaubte an eine direkte Rolle beim Bekämpfen der
Ketzer.
Anfänglich passierte dies ausschließlich mittels
Überredung, er wurde hierzu mehrmals durch den Papst zu den Katharern gesendet, später
stimmte er in Zusammenarbeit mit der damals eingeführten Inquisition der
physischen Verfolgung, Verbannung, Konfiszierung, Folterung und der Todesstrafe
(Ertränken, Scheiterhaufen) zu. Um sich nach außen von Missetaten sauber zu waschen,
wurden die Verurteilten durch die Inquisition auf besonders heuchelige Weise "an die
wirkliche Macht" übergeben, die das Opfer dann richtete. Die meisten waren
"Ketzer", Anhänger von Bewegungen, Lehrer (oder nur Menschen, die hiervon
verdächtigt wurden) unter denen viele Erleuchtete und Mystiker mit Lehren,
die durch die Kirche verurteilt wurden oder werden. Die Verurteilungen waren freilich
allzeit inszeniert, die Schuld stand von vornhinein fest.
34. Was vielleicht weniger bekannt ist, ist daß die
Inquisition die Gesellschaft eine große Anzahl Jahrhunderte lang vollständig mit seinem
Terror in seiner Macht hatte. Jeder spionierte jeden aus. Eine Vermutung oder Gerede war
schon genug, um durch die Handlanger der Inquisition, die wörtlich überall saßen,
verhaftet zu werden. Selbst die besten machten hierbei mit. So schrieb der visionäre
Hildegard von Bingen Briefe an den Bischof von Mainz, um doch besonders etwas an dem
Problem der "Ketzer" zu tun; sprach Jan van Ruusbroec seine Abscheu über die
Person van Bloemaerdinne aus und bestempelte Bernard von Clairveaux (der
"Honigsüße") die "Heiden" als "Hunde", die man vernichten
mußte. Die Begine Marguerite Porete ist durch ein Komplott aus eigenen Kreisen auf dem
Scheiterhaufen gelandet. Ein besseres Beispiel für die spätere Gestapo bestand also
nicht (die auch wirklich durch die Inquisition inspiriert war). Hierdurch kam es, daß die
Reaktion letztendlich am längeren Hebel saß: die Vernichtung aller ursprünglichen
Inspiration, "Ketzer" und Freidenker. Der Widerstand der Menschen war am Ende
völlig mürbe; das selbstheilende Vermögen der Kultur war für immer verschwunden. Der
Mensch hatte keine Wahl: durch den definitiven Bruch mit "Himmel und Erde"
konnte er allein noch auf sich "selbst" zurückfallen. Noch war die düstere
Macht nicht ausgewütet. In einem folgenden Zeitabschnitt (EINBILDUNG) sollten große
Gruppen Frauen ("Hexen") dem gleichen Schicksal verfallen.
35. Kommentar: Die Mystik des Mittelalters als Fortführung
der ERLEUCHTUNG ist ein bestimmender Moment in der Geschichte der westlichen ZERRÜTTUNG.
Es war eine "heroischer Versuch" die innerliche Tradition fortzusetzen. Vor
allem die "Brüder und Schwestern des Freien Geistes" und die
"Kartharer" mit ihrer Inspiration nach anderen (orthodoxe Mystici, Beginen,
Bürger) waren dabei die Träger des wahren Lichts. Sie repräsentierten die
Selbstverwirklichung: "das Göttliche als mein tiefstes Wesen". Sie hatten den
Mut mit ihren Erfahrungen direkt ans Licht zu kommen. Dies wurde ihnen nicht in Dank
abgenommen. Die Repressionen der Kirche war dann auch besonders angesichts ihrer
rücksichtslos. Das ist zu verstehen, da die spirituelle Verwirklichung die Kirche
überflüssig macht. War ihr Leben auch oft regelrecht ein Drama, wie mitleiderregend dem
gegenüber ist das Leben derer (orthodoxe Mystici), die sich in alle Möglichen Ecken
wringen, um doch in Übereinstimmung mit der Lehre der Kirche zu bleiben.
Kontrolle und Feedback auf die innerliche Erfahrung sind
sicher empfehlenswert und oft notsächlich, angesichts der vielen Stolpersteine und
"Irrwege", aber dann sicher keine durch eine Institution auferlegte, die ja
gerade aus spiritueller Unwissenheit heraus entstanden war. Durch ihre Eingriffe hat die
Kirche verhindert, daß die unterschiedlichen Strömungen, Schulen "Sekten"
(Gnosis, Schule des Pythagoras, Neo-Platonismus) von innen heraus eine eigene Kontrolle
auf die spirituelle Qualität ausüben konnten. Sowie es zum Beispiel im Buddhismus immer
der Fall gewesen ist. Die Unterdrückung war dem entgegen so vollständig, daß bis heute
noch keine wirkliche Genesung stattgefunden hat. Grob gesagt, hat der Westen seitdem kaum
eine echte "Spiritualität" gekannt, sei es ausschließlich in einer
verkümmerten und verzogenen Form. Und was man heute "New Age" nennt, ist dann
auch ein Überholmanöver.
Die Einbildung
Die "Renaissance"
36. Die Renaissance wird im allgemeinen als ein Höhepunkt
in der Europäischen Kultur beschaut. Lassen wir darum erst die offizielle
Geschichtsschreibung ans Wort, um uns einen Eindruck von der Zeit geben zu lassen. Es war,
so sagt man, eine "neue" Zeit von konstruktiver Offenheit gegenüber der Welt.
Im Gegensatz zum Mittelalter waren die Menschen "von dieser Welt": sekulär. Vor
allem in Italien entstand ein Klima, worin fiele Facetten der Persönlichkeit entwickelt
werden konnten. Die Welt war so aufregend, daß kein Bedürfnis nach dem
"Jenseits" bestand. Eigennutz stand voran. Hier auf Erden von schönen Dingen
genießen und die psychologische Befriedigung hierdurch wurden hervorgehoben. Geschäfte
und Vermögen machen standen hoch in der Fahne. Anstelle "der Welt entsagen" kam
ein Gefühl von eigener Kraft, das starke Individuum, daß seine eigene Welt erschafft.
Alles: Geschäfte, Kunst, Literatur, Politik, war eine Manifestation des Individualismus.
Es wurde ermutigt, aus der Menge herauszuragen. Alles war realistisch und sachlich, allein
die sichtbare "objektive" Wirklichkeit mit Unabhängigkeit in der Kunst, worin
der dreidimensionale Raum hervorgehoben wurde, war wichtig. Die Äußerlichkeit der Dinge
stand zentral. Auch die Literatur war von dieser Welt. Geschichten wurden geschrieben,
teilweise zum Zeitvertreib, teilweise zur Formung des Charakters und des Verhaltens. Dies
schloß sich beim System der Erziehung an. Hieraus sprach eine neue kritische Attitüde.
Äußerlichkeit, gute Manieren und Etikette waren unentbehrlich für den
gesellschaftlichen Erfolg. Machiavelli beschrieb die neue politische Realität:
"Herrscher und Regierungen handeln ausschließlich aus Eigennutz". In Italien
vollzog sich der Bruch mit dem Mittelalter am vollständigsten. Neben der Beteiligung an
den neuen Entwicklungen rang man in Nordeuropa noch mit der Vergangenheit.
37. Auffallend in dieser Beschreibung ist die moderne
Atmosphäre. Es fällt nicht schwer, sich selbst hierin zu erkennen. So zu sehen ist seit
dieser Zeit wenig verändert. Und vielleicht ist das auch so. Unser Standpunkt ist ja
auch, daß die Renaissance ein Bruch mit dem Vergangenen und die Öffnung zu einem neuen
Zeitalter ist. (Das Ego-Zeitalter, welches in der großen ZERRÜTTUNG von heute gipfelt).
An oben stehender Beschreibung wollen wir dann auch nichts ändern. Nur, wie können die
Fakten interpretiert werden? Als triumphierende Wiedergeburt und Befreiung aus den
knechtenden Fesseln der mittelalterlichen Religiosität und der kirchlichen
Unterdrückung? Ohne Zweifel. Aber ist das die einzig mögliche Sichtweise? Eins der
Probleme ist, das bereits oben signalisierte. Wir haben uns mit den Werten und dem
Verhalten, die seit der Renaissance entstanden sind so selbstverständlich (positiv)
identifiziert, daß es schwierig ist, plötzlich diese gleichen Fakten aus einer
vollkommen anderen Perspektive zu sehen. Die Absicht dieses Buches ist dann auch gerade
dieses. Die Perspektive ist der spirituelle Mensch, der Mensch der sichSelbst in
Verbundenheit ist: "gewurzelt in Himmel und Erde".
38. Laß mich einen ersten Schritt wagen. Der
Renaissancemensch hat deutlich einen Sprung von innen nach außen gemacht, vom Innerlichen
zur Peripherie, die Offenheit zur Welt. Eine auffallende Äußerlichkeit und Interesse an
"Dingen" ist deutlich. Dieser Schritt ist übrigens ziemlich abrupt gesetzt.
Auffallend ist auch, daß im Gegensatz zu dem "Kollektiven" des Mittelalters der
Individualismus, der Glaube in die eigene Kraft im Vordergrund zu stehen gekommen ist.
Unverhüllter Eigennutz erlebte eine Blüte. Geld begann eine große Rolle zu spielen. Die
Realität beschränkte sich auf die sichtbaren Dinge. Religiosität ist überholt.
Anstelle ausgeliefert zu sein an "höhere Kräfte" hatte man die Dinge zu sich
selbst herangezogen. Man ist stolzer Besitzer irdischer Güter sowie guter Manieren. Ein
ausgiebiges Maß an Selbstgenügsamkeit, ja Arroganz, ist unverkennbar. Man ist nicht mehr
an "höhere Mächte" unterworfen. Politik ist ein Machtbestreben aus
Eigennützigkeit geworden. Nun die Dinge in eigener Hand liegen, kann die Sachlichkeit der
Dinge und Geschehnisse erkannt worden. Man ist Chef im eigenen Hause geworden.
39. Mein Standpunkt ist, daß zugleich mit der Befreiung aus
der auferlegten Religiosität, die Krankheit der Vergangenheit (die Kirche und sein
Terror), auch ein innerlicher Sprung gemacht wurde: der vom Inneren zum Äußerlichen, der
vom Selbst zum Ego, von der Verbundenheit zum Eigennutz. Aus der psycho-spirituellen
Dynamik gesehen hatte der Mensch dieser Zeit "keine Alternative". Die
jahrhunderte lange Vernichtung des Daseins (durch die Inquisition) war total gewesen. Die
weiteren Entwicklungen nach wirklichem Gewurzelt-Sein in "Himmel und Erde"
der optimale Zustand eines wirklich erwachsenen Menschen waren somit
unmöglich gemacht. Persönliche Isolation war die einzige Antwort auf eine Umgebung, die
unerträglich geworden war. Der einzige Ausweg war der "Zurückfall" auf das
kleine Selbst, als die einzige Instanz, (die noch übrig blieb) womit man sich
identifizieren konnte. Was übrigens eine Kompensation des erlittenen Verlustes war,
welches jedoch (logischerweise) nicht so erfahren wurde. Nachdem man so viel Elend
durchgemacht hatte, lag der Akzent auf dem Neuen und dem Einholen von neuen
Errungenschaften anstelle der Verarbeitung des Alten.
Die Geburt der westlichen Persönlichkeit: der
Individualismus, das "besonders" sein wollen, das auf die Außenwelt
Gerichtetsein...ist also tatsächlich ein Abschirmen von unerträglichem (innerem) Leid,
eine Überlebensstrategie gewesen. Die oben genannte Fakten ("Renaissance")
kommen also wieder in einem etwas anderen Licht zu stehen. Viele der letzten Entwicklungen
der Kultur können daraus erklärt werden. Ein Zurückfall auf das Selbst
("Selbstsucht", Ego, EINBILDUNG), während alle anderen innerlichen Wege
blockiert sind, bedeutet, daß von diesem Moment an, das Ego die einzige innerliche
Instanz ist. Der Spiegel des Selbst (Gott) ist verschwunden, zum Unterbewußten verwiesen,
verdrängt. Das "Zurückgeworfensein auf Sichselbst"*. Während das Ego
als einzige innerliche Instanz nirgendwo mehr "Verantwortung abzulegen
hat", ist man tatsächlich ans Ego ausgeliefert. Während man sich selbst erfährt
als aus einem neuen "Kraftzentrum" heraus, ist man zu gleicher Zeit durch das
Ego dominiert. Genuß von Dingen (und zurecht!) ist bei Abwesenheit von jeglicher
Transzendenz tatsächlich Egoversklavung. So ist die Kirche selbst die Ursache von
der mit der EINBILDUNG einsetzenden "Säkularisierung" der
Gesellschaft gewesen.
*Als der Weg zurück zur Quelle als Erfahrung
abgeschnitten ist, dann bleibt für das Ego nichts anderes als sich selbst aufzublasen.
Das war der Beginn der Westlichen Ego-Kultur mit Individualismus, Eigennutz,
Materialismus, Wissenschaft, Technologie, Gewinn, Aufhäufung, Expansion und Ausbeutung
als zentralem Antrieb.
40. Zwei Dinge bestimmten den abrupten Wechsel des
Zeitgeistes: das definitiv Abgeschnitten-Sein von jeder weiteren innerlichen Entwicklung
durch die jahrhundertelange Unterdrückung UND das Unvermögen, die gigantische Last der
Angst, Wut und des Schmerzes weiter zu verarbeiten. In der selben Zeit, in der man sich
mit neuem Elan und Enthusiasmus ins Neue stürzte, wurde das Alte ins Unterbewußtsein
geschickt. Das Ego kann eine solche große emotionale Last nicht tragen, dies wurde darum
zum Schatten, der abgewiesene Teil der Persönlichkeit, da wo alles Unverträgliche
gelagert wird. Dies letztere wird dann nicht mehr ins Bewußtsein zugelassen. Das
augenscheinlich "starke Ich" (EINBILDUNG) hat somit ein permanentes Gegenstück
bekommen: der Schatten. Dies wird DAS Kennzeichen der westlichen Persönlichkeit
(übrigens auch der der östlichen, aber das ist eine andere Geschichte): "du bist
das, was du im Innern verschließt".
Deine Identität wird geformt durch den Ausschluß dessen,
was nicht in dein Selbstbild paßt. Alles innerhalb dieses Selbstbildes ist
"eigen", was außerhalb liegt, ist fremd, das "Andere". In dieses
"Andere" werden nun alle unbewußt gewordenen Emotionen aus der Vergangenheit
projiziert. Der Andere wird so Opfer des eigenen verdrängten Leids. Unbewußt bedeutet
das: "er/sie soll fühlen, was mir ist angetan". Nun gut, uns westlichen
Menschen (und nicht allein uns) ist gigantisch viel angetan worden. Unser gesamtes
kollektives Unterbewußtsein ist dadurch gefärbt. Selbst in solch einem Maß, daß wir
kollektiv nicht in der Lage waren, diese Last zu verarbeiten. Die EINBILDUNG war das
Unvermögen bzw der Widerstand gegen das Verarbeiten der Vergangenheit. Wir haben keinen
Trauerprozeß durchgemacht. Dies ist der Grund, warum wir westlichen Menschen den
"Anderen" zum Gegenstand unserer Aggression gemacht haben. Dies äußerte sich
bereits in derselben Zeit, in der rücksichtslosen Verfolgung des "Anderen", der
der dem Mann am nächsten ist: die Frau.
41. Vom verdrängten "Anderen" zum
"Bösen" war leider nur ein kleiner Schritt. Hierbei spielten die
unterschiedlichen Ursachen eine Rolle. Auch die "Renaissance" hatte die
männliche Unerwachsenheit in Beziehungen, Gefühlen und Erotik, seine Frustrationen rund
der Sexualität, seine heimliche Angst und Insuffizienzgefühl gegenüber der Frau nicht
wesentlich verändert. Dies war seit undenkbaren Zeiten ja bereits ein Teil seines
Schattens gewesen! Sowie bereits angedeutet, war darüber hinaus der Übergang im Norden
nicht so abrupt und vollständig. Hier wurden bestimmte Entwicklungen durchlaufen: die
Position der Kirche und seines Terrors, der Aberglaube an böse Mächte, die Erinnerung an
die rezente Vergangenheit. Ein Gebräu von gegenübergestellten Kräften bestimmte das
innerliche und tägliche Leben. Obwohl in Italien der Triumph des "übersiegenden
Ichs" gefeiert wurde, wurde der Norden durch zerreißende Konflikte bestimmt. Die
Spannung lief dermaßen auf, daß diese sich entlud. Als dann auch ein Jesuit sein Buch
"der Hexenhammer" herausgab, brach die Hölle los. Die Frau als
"Hexe", als Sinnbild des Bösen, verzaubert durch den "Teufel", werde
jeden bedrohen und zum Untergang führen.
42. Die Kirche sah unmittelbar ein neues Gebiet, um ihren
Inquisitionsterror fortzuführen. (Die Organisation wurde übrigens niemals echt
aufgelöst. Sie bestand kürzlich noch als das "Heilige Officium der
Glaubenslehre!"...), die Männer konnten ihren verdrängten Haß auf Frauen
abreagieren. Gleich der verdrängten Last der Vergangenheit (man bedenke, daß dieses Erbe
seit Beginn der Jahrzählung auch das Verhalten der "Apostel" und ihrer
Nachfolger bestimmt hatte) wurde den Frauen unsagbar viel Leid angetan. Nach Willkür
wurde jahrhundertelang hausgehalten mit Scheinprozessen, Folterungen, Ertränkungen und
dem Tod auf dem Scheiterhaufen als die beliebtesten Beschäftigungen. Mann hatte die Frau
für das bezahlen lassen, "für das, was sie ihnen (den Männern) angetan
hatte". Daß die Frauen nicht die letzten waren, wird jedem bekannt sein. Die
Schatten waren (sind) noch nicht ausgetobt. Waren die Juden, die Heiden (man denke auch an
die "Kreuzzüge", die unter anderem durch Bernard von Clairveaux in Gang
gebracht wurden), die Philosophen, die Ketzer und die Frauen "bereits an der
Reihe" gewesen, sollte man doch noch oft in Wiederholungen verfallen, unter anderem
durch die Unterwerfung oder/und Ausrottung von anderen (Natur)Völkern und der
Judenverfolgung in der jüngeren Vergangenheit. Oder mit den Worten des indischen
Schriftstellers Vine Deloria: "Überall wo das Kreuz geht, ist nie mehr Leben im
Überfluß allein noch Tod, Vernichtung und letztendlich Verrat..."
43. Kommentar: Die Kopplung Ego - Schatten hat sich seitdem
konsolidiert. Dabei sind beide unzertrennbar miteinander verbunden. Das Ego schickt dabei
unverdaute Erfahrungen zum Unterbewußten, der Schatten verstärkt das Ego in seiner
Abwehr und Unterdrückung. Beide bestärken einander in ihrem Fortbestehen, sie sind
hoffnungslos auf einander angewiesen. In erster Instanz führte dies zur Expansion des
Egos. Auf allen möglichen Gebieten wurde diese Aktivität ausgebreitet. Ohne die
Anwesenheit eines innerlichen Kontextes, einem worin die Ego - Schatten - Polarität
"Ruhe finden kann", führt diese allerdings zu unerträglicher innerlicher
Spannung. Erst wurde als Überdruckventil noch die Expansion (Kolonisation, INFLATION und
im Kapitalismus) gefunden, später Entgleisungen wie der Faschismus, und schließlich
mündete es in den Kollaps der großen ZERRÜTTUNG. Der damit einhergehende
Kontrolleverlust über innerliche sowie äußerliche Geschehnisse kann in der UMKEHR nur
durch die gänzliche Wiederherstellung mit den Wurzeln aufgefangen werden. Nur die
Bewußtwerdung und Verwirklichung des wahren Selbst kann die innerliche Pattstellung
durchbrechen und eine neue Integration, Ganzwerdung und Dynamik in gang setzen.
Die Inflation
Die "Aufklärung"
44. Typierender kann es nicht sein: das Ego, welches seine
eigene Aufgeblasenheit das Zeitalter der Aufklärung oder auch "Erleuchtung",
nennt. Der Grund? Bei Abwesenheit des Wahren Selbst der einzigen Pforte nach
Erleuchtung war die Menschheit definitiv auf das kleine Selbst (Ego)
zurückgefallen. Man wußte nicht besser als das dies der "Kern" der
Persönlichkeit war. Das griechische Logos was ursprünglich wahres Selbst
bedeutete wurde nun dann auch als "Ratio", Verstand, aufgefaßt. Anstelle
der Kultivierung von wahrer Innerlichkeit wurde alles ausschließlich an äußerlichen
Erfolgen abgemessen, und die waren in dieser Periode überall sichtbar. Man identifizierte
sich stets weiter mit der Außenwelt und dem Intellekt. Die INFLATION hat ja nichts mit
wirklicher Erleuchtung zu tun. Sie ist gerade das äußerste Gegenteil hiervon, die Folge
ihrer Abwesenheit. Im Mechanismus der INFLATION steht die Idee des
"Fortschritts" zentral, das Gefühl, daß "die Zeiten immer besser
werden".
Dauernd entstehen neue Einsichten und Errungenschaften, die
das Leben stets weiter bereichern. Erfindungen, Wissenschaft, Kunst und Literatur erfahren
alle weitere Blüte. Vor allem die Naturwissenschaften breiteten sich aus. Gott war
weniger Gott der Liebe als wohl die unendliche Intelligenz, die das Universum als eine
"Uhr" laufen ließ, wovon Newton die mathematischen Gesetze formulierte.
Allerlei Sorten Wissen hatten fleißigen Absatz. In dieser Zeit hielten einflußreiche
Damen "Salons", wo Menschen und Ideen zusammen kamen. Sozialer Fortschritt war
ein beliebtes Thema. Voltaire und Montesquieu wurden fleißig gelesen. Das sich stets
ausbreitende intellektuelle Wissen wurde in stets dicker werdenden
"Enzyklopädien" zusammengefaßt und eifrig nachgeschlagen. Die Ideen von
Descartes "ich denke, also bin ich" beherrschten nun ein ganzes Zeitalter: die
der Vernunft. Alles was nicht durch die Vernunft begriffen oder erklärt werden konnte,
machte am öffentlichen Leben nicht mit. Im "Untergrund" waren zugleich doch
"irrationale Strömungen". Nicht nur pietistische Literatur sondern auch zum
Beispiel Freimaurerei blühte überall in Europa. Populäre Wissenschaft übertrieb oft
den Anspruch auf echte Untersuchungen mit bezug auf das Manipulieren und Kontrollieren der
Natur.
45. Durch den Verlust des Kontextes von "Himmel und
Erde" das Wegfallen des integrierten Weltbildes hatte das
"Ich" ein eigenes Leben zu führen begonnen. (EINBILDUNG). Sowie das
"Ich" sich vom Selbst abspaltete, machten sich mit Beginn des industriellen
Zeitalters Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft die Verlängerungen des
"Ichs" - definitiv von der ursprünglichen spirituell-religiösen-kulturell
festgestellten Matrix und damit aus der sozialen Kontrolle und der Gesellschaft los. Sie
entkamen aus der Büchse der Pandora. Der neue rationelle, Intellektuelle und
wissenschaftliche Reduktionismus als autonom wachsender Komplex war
bestimmend für die weitere Entwicklung der Kultur. In sich selbst enorm expandierend
("Fortschritt"), war dies zu gleicher Zeit eine enorme Reduktion und Verarmung
der innerlichen sowie äußerlichen Welt. War die EINBILDUNG noch eine Zeit, worin das
"Selbst" in all seinen Aspekten Kontakt mit der Wirklichkeit hatte vital,
phantasierend, genießend, kreierend war dies in der INFLATION größtenteils
zurückgebracht auf intellektuelle Aktivität. Binnen dieser Aktivität wurden allerdings
"ganze Welten" erschlossen.
46. Dies berührt eines der Kernprobleme des Intellektes.
Mit dem Vermögen, in der eigenen Denkwelt "alles zu erschaffen", wird die
Notsache zum Kontakt mit der wirklichen Welt stets weniger wahrgenommen. Man lebt allein
noch in seiner eigenen Denkwelt. "In Gedanken-Sein" heißt es dann auch. Dies
führt zur Selbstverfremdung und dem Kontaktverlust mit der Wirklichkeit, "ich denke,
also bin ich nicht" (...). Das Gefühlsleben verarmt. Man sieht wohl einen Baum, aber
man fühlt da nichts mehr bei. Nichts berührt einen noch wirklich. Man wird unentwegt vom
Gedankenstrom ins Schlepptau genommen; die Lasten scheinen stärker als das
"Ich" zu sein. Man ist dauernd "besetzt". Darum ist das intelektuelle
Selbst inflationär. Es ist eine abgeleitete und geschwächte Form des ganzen Selbst. Man
ist lediglich noch mit einem Teil des Selbst identifiziert. Die Aufgeblasenheit muß den
Verlust an echter Erfüllung kompensieren. Für sich allein ist die eigene Welt "ohne
Grenzen", obwohl es immer schwieriger wird, mit "anderen Denkwelten zu
kommunizieren". Vereinsamung mitten im intellektuellen Überfluß ist die Folge.
Nirgendwo wird dies besser wahrgenommen als im "Zeitalter der Kommunikation".
Trotz aller technischen Hilfsmittel Satelliten, Computer, Video, Handy, Internet
fühlen wir uns mehr dann jemals zuvor auf uns selbst zurückgeworfen.
47. Kommentar: Durch das mechanische Weltbild und die
Reduktion des Selbst auf seinen Intellekt wurde ein neuer Schritt in Richtung der
Verkümmerung der Kultur gesetzt: INFLATION. Jetzt wurde selbst innerhalb des Selbst ein
Schritt zurück gemacht. Von "Vollheit" nach intellektueller Verarmung. Durch
den Mangel an innerlichem Halt (Folge des Entwurzelt-Seins, dem Kontaktverlust mit
"Himmel", "Erde" und Sichselbst) ist man der eigenen Gedankenwelt
überliefert. Diese scheint stärker als Duselbst. Der Weg zur vollständigen Dominanz der
Technologie war offen, so wie wir das heutzutage selbst am eigenen Leibe spüren könnnen.
Dies erschuf eine Surrogatwelt, um den Verlust des Selbst, optimale menschliche
Beziehungen und den Kontakt mit der Natur zu kompensieren. Und zwar in solchem Maße, daß
der ursprüngliche Kontext selbst als dies mit Einsatz versucht wird kaum
noch zurückzufinden ist. NB. Es ist allerdings viel zu einfach, die heutige ZERRÜTTUNG
ausschließlich nur den Folgen des "mechanischen Weltbildes" im Gegensatz zum
"ganzheitlichen" zuzuschreiben. Kennzeichnend für unsere Krise ist, daß sie
sich gerade nicht allein in der Vorstellungswelt abspielt, sondern die Folge einer
existentiellen Entwurzelung ist. Die Krise ist (unendlich) viel ernster, umfassender,
tiefer und also ... vielversprechender. Freibleibendheit ("New Age") ist also
wohl die letzte Haltung, die hier am richtigen Platze ist.
Restauration 2
Die Romantik
48. Bei einer so einseitigen Entwicklung konnte eine
Reaktion nicht ausbleiben. Die Bilanz des Lebens drohte vollständig zu einer Seite zu
kippen, den Boden völlig unter den Füßen zu verlieren. Durch manche wurde der Verlust
des Kontaktes mit der Natur, dem Mitmenschen und Gott zu stark empfunden. Nostalgie nach
der (idealisierten) Vergangenheit kam in den Herzen auf. Rousseau war dabei einer der
ersten. Er hatte mehr Vertrauen in spontanes Gefühl als in intellektuelle Kritik, mehr in
soziale Gleichheit als in ein autoritäres Regime, mehr in die natürlichen Kräfte als in
Korruption und die Künstlichkeit der Gesellschaft. Durch seine Nachfolger u. a. Bryon,
Victor Hugo und Schiller wurden alle Werte der "AUFKLÄRUNG" fundamental
angezweifelt. Es wurde nach der Wahrheit geforscht, nach menschlichen Qualitäten und
nicht allein dem Intellekt, die Beziehung zwischen Denken und Fühlen zum Beispiel und die
Bedeutung der Vergangenheit. Es wurde eine ganz eigenen Strömung.
Empfänglich wie man war, wurde anstelle der strengen
Einteilung der Wirklichkeit durch die Vernunft, die Wahl an "unbestimmte Gefühle und
Stimmungen" gegeben. Man empfand Abscheu für die Tendenz, alles aufzuteilen, zu
klassifizieren, zu abstrahieren oder zu generalisieren. Vor fix und fertigen Lösungen
waren sie mißtrauisch. Im Gegensatz dazu wurde man vom Unbekannten, dem Mysteriösen und
weiten Fernen fasziniert. Was sie in der "AUFKLÄRUNG" vermißten, war
spirituelle Tiefe (...). Die Romantik kannte wirklich Erleuchtete (so wie übrigens jede
Zeit). Schiller war einer von ihnen. Der Schlußchor aus der 9ten Symphonie von Beethoven,
"An die Freude", ist in Wirklichkeit ein ekstatischer Lobgesang auf seine
Erleuchtungserfahrung. Man glaubte dann auch in die außergewöhnliche Persönlichkeit,
ein Genie auf seinem oder ihrem Gebiet. Auch ein Volk konnte diese Qualität besitzen, ein
"Volksgeist" so wie Herder ihn beschrieb, einer der Richtung an den umfassenden
eigenen Charakter einer Nation geben mußte.
49. Daß dieses früher oder später zu einem totalitären
System führen konnte, konnte damals noch niemand voraussehen. Alles hängt vom
Zusammenkommen der richtigen Zeit und den Umständen ab, von den Voraussetzungen, die auf
die richtige Art und Weise erfüllt werden. Fakt ist, daß die Romantik zu schwach war, um
die ganze Gesellschaft in ihrem Sinne zu verändern. Politische und ekonomische
Machtfaktoren, der Fortgang der Wissenschaften und das Aufkommen neuer Ideologien
(Kapitalismus, Liberalismus, Sozialismus) machten dies unmöglich. Das Verlangen nach
Ganzwerdung wurde auf ein Neues ins Unterbewußte geschickt. Während der spätere
Kommunismus vor allem auf die Realisierung sozial-ökonomischer Gleichheit gerichtet war,
gingen die Kräfte von dem was später der Faschismus werden sollte deutlich tiefer. War
der erste ein Produkt aus intellektueller, philosophischer und gesellschaftlicher Kritik
(Marx), war der zweite auf eine ganze Skala menschlicher Emotionen und Motiven aufgebaut.
Es schien als ob das verlorene Erbe einer ganzen Kultur an die Oberfläche kam.
Das Gefühl des Verlustes nationaler (deutscher) Identität
(nach dem ersten Weltkrieg) brachte den Verlust von "Himmel und Erde" ans
Tageslicht, zusammen mit dem (unbewußten) Haß gegenüber denen, die ihnen dieses Erbe
genommen hatten. Nur beschädigte Menschen mit wenig Ich-Kontrolle hatten das zweifelhafte
Vorrecht, dieses Verlangen nach Ganzwerdung am stärksten zu fühlen. (Bei den mehr
intellektuellen war der Kontakt mit der verlorenen "Seele" vollständig
unbewußt geblieben). Es war also kein Wunder, daß die Art worauf die Ganzwerdung
erreicht werden mußte, verdreht war. Der Haß wurde auf die Juden projektiert, als die
"Anderen" die für den Verlust des "Eigenen" verantwortlich gemacht
wurden. Die Kirche war dabei das große Vorbild. Diese hatte die Juden schließlich schon
jahrhundertelang verfolgt und für den "Verlust von Christus" verantwortlich
gemacht.
50. Mein Standpunkt ist, daß allein aus einer spirituell -
gesellschaftlichen Perspektive eine richtige Beurteilung über die Grundzüge, die Motive
und die Auswirkungen des Faschismus zu machen ist. Mit dem Aufkommen von extrem rechten
Organisationen überall in Europa erscheint dies selbst dringend geboten. Vielleicht
können wir etwas Neues lernen, um weiteren Rassenhaß und alles was damit zusammenhängt
zu verhindern. Im Keim, so stelle ich fest, war der Faschismus ein Versuch der
RESTAURATION, geboren aus dem Impuls der Romantik. Ausdrücklich als solche aufgefaßt!
war und ist es ein verständlicher Schrei nach Ganzwerdung, die Anhäufung aller
verdrängten Gefühle einer ganzen Kultur. Dies wurde als "Die Große
Niederlage" erfahren. Das Verlangen nach dem eigenen Land, dem eigenen Volk und der
Erlösung durch einen Führer gibt genau an, worum es geht. Die "Verlahmung der
Kultur" ruft nach Erneuerung der vitalen Kraft. Die Große Niederlage kreiert das
"Urverlangen" nach dem Eigenen, genauso wie die Emotionen von Haß gegen die,
die die Niederlage "verursacht haben" und die bei Versuchen zur
Wiederherstellung "der ursprünglichen Situation im Weg stehen".
Auf diese Art und Weise können die unterliegenden Motive
besser verstanden worden. Als Ergänzung auf die tausenden Bücher, die nach dem zweiten
Weltkrieg über den Faschismus erschienen sind und die nahezu ausschließlich
intellektuelle Interpretationen beinhalten, scheint eine existentielle Betrachtung einen
notwendigen Nachtrag zu sein.
51. Der Gegensatz zwischen beispielsweise der amerikanischen
Revolution und dem Faschismus kann viel Deutlichkeit schaffen. Erstere war der Widerstand
gegen die Verquickung von Kirche und Staat sowie die seinerzeit in England bestand und
zurückging auf die Zeit der römischen Kaiser. Es war ein Ruf nach Freiheit aus der
Unterdrückung. Dabei schloß man sich bei einer Inspiration aus der frühen Christenheit
an, der Widerstand gegen den römischen Herrscher, das Loslösen aus alten Verbindungen
und der Erwartung eines "Königreichs" und der Hoffnung des Aufbaus einer
"christlichen Gesellschaft". Die Amerikanische Revolution war infolge der ersten
Christenheit eine Entwurzelung aus den alten beengenden Beziehungen.
RESTAURATION 2 mit dem daraus entstandenen Faschismus
beäugte dem entgegen genau das Gegenteil. Dessen Impuls war auf das Abschaffen der
Selbstverfremdung, die gerade eine Folge der christlichen Entwurzelung war, und auf die
Wiederherstellung der Ganzheit der alten (heidnischen, römischen) Gesellschaft gerichtet.
Er beäugte die Wiederherstellung der "Volksgemeinschaft". Dieser Antagonismus
zwischen "Freiheit" (Christentum) und "Integration" (Verbundenheit),
die christliche "Freiheit" der ersten Jahrhunderte war die Ursache für
die Entwurzelung des damals bestehenden Zusammenlebens so wie dieser tief in unsere
Geschichte eingekerbt ist, erklärt die intensive und tiefe Abscheu, die Repräsentanten
beider Richtungen bis heute für einander empfinden. Nun da jedoch rezent der Bankrott der
zu weit gegangenen Freiheit (Entwurzelung und Chaos) in großem Maße deutlich wird,
stehen wir vielleicht zum ersten mal vor der Aufgabe, Freiheit und
Verbundenheit zueinander zu bringen, ohne dabei in Extremismus zu fallen.
Die (Post)Moderne Zeit
52. Wenn wir uns das Konzept der "Bewegung der
Kultur" als eine vom Zentrum zur Peripherie gehende vorstellen, dann sind wir nun an
der äußersten Schale angekommen. Gemessen an unserem Ausgangspunkt "der Mensch
gewurzelt in Himmel, Erde und der Gemeinschaft": die Einheit mit sichselbst, seinem
Körper und der Natur, seinen Mitmenschen in fortdauernder Hingabe an das Letzendliche,
dann finden wir davon in unserer modernen Zeit beinah nichts mehr zurück. Der Mensch ist
vollkommen von sich selbst, seinem Körper und der Natur, seinem Mitmenschen und dem
Göttlichen verfremdet. Er ist dadurch willenlos an innerliche und äußerliche Impulse
überliefert. Er hat kein erkennbares Innerliches (Selbst) als Zentrum des Bewußtseins,
wodurch er sich innerlich leer, chaotisch und desorientiert fühlt. Er ist ausgeliefert an
jede willkürliche Ablenkung, Impuls und Manipulation. Ununterbrochen ausgeliefert an
seine eigene Gedanken-, Vorstellungs- und Wunschwelt hat er den Kontakt mit der
Wirklichkeit verloren. Bei Abwesenheit des Hier und Jetzt lebt er die Illusion der
Vergangenheit und der Zukunft. Er wird durch die Geschehnisse bestimmt. Sein künstliches
Ich (Selbstbild) hat "kein Bein um zu stehen" und muß sich dauernd beschützen
gegen den Identitätsverlust, deshalb besteht die niemals nachlassende Sucht nach
Selbstkontrolle, Unterdrückung, Verdrängung, Kontrolle, Beherrschung und Eroberung.
53. So schaffte er die moderne Wissenschaft, die Technologie
und den Kapitalismus, die ihm daraufhin in seinen Fesseln haben. Seine Gefühlswelt ist
verkümmert und was "du nicht fühlst, das berührt dich nicht". Subtilität,
Schönheit und Balance sind fern zu suchen. Die Liebe scheint auf Oberflächlichkeit,
Selbstsucht und Beziehungsprobleme reduziert zu sein. Das Mitgefühl zum anderen scheint
ausgetrocknet. Unwissenheit, Selbstsucht und Gleichgültigkeit feiern ihren Höhepunkt.
Alles scheint unwirklich zu sein, eine große virtuelle Realität, eine Scheinwelt, wo
nichts mehr was bedeutet. Eine Welt, voll Surrogaterfahrungen, wo niemand mehr echt dabei
gehört. "Ich gucke TV, also bin ich". Die Menschen sind auf sichselbst
zurückgeworfen, sie laufen auf der Straße und sind gefangen genommen, durch ihre eigenen
Gedanken: Abwesend, so wie in Trance. Reduziert zu Konsumsklaven tun sie ihre tägliche
Pflicht: arbeiten und einkaufen. "Haben" hat den Platz von "Sein"
vollständig eingenommen, das traurigste "menschliche Niveau", daß die
Geschichte jemals gekannt hat. Der Mensch fühlt sich entwurzelt. Wenige Menschen fühlen
einen echten Bezug zu dem Ort, dem Viertel oder der Region, in der sie wohnen. Viele leben
in Angst und Unsicherheit und ... Armut, in großer ZERRÜTTUNG. Streß und Krankheit
nehmen dramatisch zu, während "die Probleme in der Außenwelt" nicht mehr zu
überschauen sind. Sie sind eine Abspiegelung unseres innerlichen Zustandes
Die Produktion besteht nicht für uns, wir
bestehen für die Produktion
54. Mein Standpunkt ist, daß alle Bedingungen, die zu
unserer ZERRÜTTUNG geführt haben, in der Geschichte anwesend waren. Der moderne Mensch
bekommt die Rechnung der Jahrhunderte präsentiert. Alles aus der Geschichte hat sich in
der heutigen Zeit gegipfelt. Die Gesellschaft ist der Niederschlag der kollektiven
Versklavung, eine worin der Mensch selbst seinen Drang nach Überleben verloren hat.
Dafür müssen tiefe Ursachen bestehen. In einem Sinn zusammengefaßt ist dies: der
Verlust mit dem Kontakt mit der Wirklichkeit. Hierbei kann das Christentum als
Hauptverantwortlicher angewiesen werden. Zuwillen ihres Mittelbaren der Kirche
wurde der Menschen mit Gewalt entwurzelt: der Kontakt mit "Himmel und
Erde" durchschnitten. Anstelle einer Selbstregenerierung durch fortwährend
zur innerlichen Quelle zurückgehen zu können- wurden die Menschen massenhaft
unterdrückt.
Durch seinen Akzent auf
"persönliche Erlösung" ist das Christentum die Basisursache